Arbeitswelt 4.0

Autor: Alexander Disler

Auch in Zukunft wird der Mensch als Verkäufer, Berater, Auskunftsperson oder Ansprechperson die bevorzugte Kontaktperson sein. Dies vor allem aus dem Grund, dass ein Mensch zusätzlich seine emotionale Seite ausspielen kann. Für wiederkehrende Routine-Arbeiten, Tätigkeiten, Abwicklungen, Bestellungen oder Tickets wird der Nutzer, Käufer, User und Konsument sich jedoch aufgrund einer effizienteren Abwicklung an den Automaten oder Roboter wenden. Die vergangene Entwicklung lässt diese Entwicklung zumindest erahnen. Man sieht dies bei der Entwicklung

  • «Bankschalter <-> Geldautomat»
  • «herkömmliche Kassen <–> Selfscanning» im Detailhandel
  • «Ticketschalter <–> Ticketautomat»
  • «Schalter in der öffentlichen Verwaltung <–> elektronische Bestellung/Abwicklung» mittels Software
  • «Beratung im Verkaufsgeschäft <-> Marktplatz auf E-Plattform» mit den Rezensionen, usw.

Dadurch werden in Zukunft viele Funktionen und Tätigkeiten der Menschen überflüssig werden – diese Verunsicherung ist heutzutage in den Ansätzen bereits spürbar. Die damit einhergehende Reduktion von Transaktionskosten führt auch zu kostengünstigeren Leistungen und Produkten, wovon der Konsument profitiert. Die digitale Transformation erzeugt bei vielen Menschen grosse Unsicherheiten, da absehbar ist, dass Roboter Menschen pflegen, Behörden mit deutlich weniger Angestellten auskommen werden (weil die neue IT die Bearbeitung der Anträge komplett übernimmt), selbstfahrende Autos, Züge, U-Bahnen, LKW’s und weitere autonome Transportmittel in unseren Städten unterwegs sein werden und vieles mehr.

Die Dynamik, welche durch die digitale Transformation ausgelöst wird und in unseren Alltag eindringt, ist unglaublich hoch. Für Schreckensszenarien gibt es allerdings keinen Anlass. Überall in den Unternehmen werden deshalb Szenarien darüber entwickelt und erprobt, wie die Arbeit der Zukunft aussehen könnte. Die Aufgabe aller Führungskräfte ist es, sich bestmöglich vorzubereiten und den Rahmen gemeinsam mit den Mitarbeitern proaktiv zu gestalten. Denn nach jeder industriellen Revolution (oder Transformation) – sei dies von der Muskelkraft zur Mechanisierung, von der Massenproduktion bis hin zum heutigen Zeitalter – gab es Veränderungen, ja gar massive Brüche, aber stets auch einen grossen Zugewinn an Wohlstand für ganz breite Schichten. Hierzu sollte man positiv in die Zukunft schauen und vor allem proaktiv die (sicherlich notwendigen) digitalen Spielregeln in der eigenen Branche, der eigenen Firma oder in der Politik mitbestimmen.

Die Arbeitswelt 4.0 wird eine digitalisierte humanisierte Welt sein, in welcher der Mensch den Unterschied macht. Dies bedeutet auch, dass wir Menschen in der zunehmend schnellen und sich rasch verändernden Welt die Möglichkeit haben, Wissen zu teilen, Arbeitsbedingungen gemeinsam zu gestalten, Einfluss auf die Entwicklung zu nehmen, Raum für neue Ideen zu schaffen und aber auch durch entsprechende Ausbildung und ein lebenslanges Lernen im Arbeitsmarkt mithalten zu können. Sinnvollerweise werden diese Veränderungen proaktiv mitgestaltet, ansonsten wird man von der anrollenden Welle überspült und wird zu den Verlierern dieser Entwicklung werden. Deshalb macht es Sinn, wenn man für seinen Beruf, die Branche oder das Unternehmen verschiedene Zukunftsszenarien entwickelt, oder auch eine Art Prototypen der Zukunft schafft. Dabei kann man sich die folgenden Fragen stellen:

  • Wie sieht der Arbeitsalltag der Zukunft aus, in der Produktion, im Büro, im Labor oder einer anderen Abteilung?
  • Wie werden sich die Berufe verändern?
  • Welche Fähigkeiten und welches Wissen werden benötigt?
  • Wie können die Arbeitswelten aussehen?
  • Welche Hilfsmittel werden benötigt?
  • Welchen Service erhält der Stelleninhaber, welchen der Kunde?

All diese Antworten werden Auswirkungen auf die Art der Zusammenarbeit, auf Entscheidungsprozesse und Hierarchien, auf Arbeits-/Einsatzpläne und auf Präsenzzeiten haben.

Man sollte die Dynamik der Digitalisierung (und der Globalisierung) nicht unterschätzen und aktiv die Zukunft mitgestalten. Denn Stillstand im Veränderungsprozess wird es nicht geben.

Arbeitsstrukturen/-arten

Netzwerke spielen eine zentrale Rolle in der neuen Arbeitswelt. Standardisierte Back-End-Prozesse werden daher zwischen Unternehmen geteilt, ohne dass dies für Kunden oder Mitarbeiter sichtbar ist. So entstehen neue Arbeitsplätze ohne eindeutige Zugehörigkeit zu einer Organisation und Produkte ohne eindeutigen Absender.

Hiring on demand

Für spezifische Leistungen greifen Unternehmen immer weniger auf festangestellte Arbeitskräfte zurück. Vielmehr beauftragen sie Fachkräfte punktuell. Das Arbeitsverhältnis wandelt sich zum Arbeitseinsatz.

Das Ende der Hierarchie

Hochqualifizierte Fachkräfte interagieren weltweit in vernetzten Special-Interest-Communities. Die Loyalität gilt neu nicht mehr dem Unternehmen, sondern der fachlichen Expertise.

Offene Unternehmensstrukturen

Die Forderung nach maximaler Transparenz und die Notwendigkeit, mit den Konsumenten eng zusammenzuarbeiten (Co-Creation), führen dazu, dass sich das Innen und das Aussen vermischen – Unternehmensstrukturen werden aufgebrochen. Dabei wird die «Crowd» zum Teil der Wertschöpfung.

Prosumenten – Kunden statt Mitarbeiter

Viele digitale Leistungen werden von Begeisterten gern und unentgeltlich erbracht. Die Grenzen zwischen Konsument und Produzent verwischen, man wird zum Prosument. Freiwillige digitale Arbeit ersetzt professionelle Beschäftigung.

Der Mensch als Kontrolleur statt Leistungserbringer

Die Rolle des Menschen wird in Zukunft die Überwachung der Maschinen sein. Routinevorgänge und körperlich anstrengende Arbeit werden die Maschinen eigenständig übernehmen.

Traditionelle Arbeitsorte und -zeiten lösen sich auf

Dies hat Vor- und Nachteile, wie die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch die Always-on-Mentalität (=immer Online zu sein). Arbeitsleistung von hochqualifizierten Fachkräften wird zudem im Rahmen von Projektarbeit rund um die Welt erbracht. Wo der Leistungserbringer arbeitet, spielt keine Rolle mehr. Arbeit wird erstmals so mobil wie Kapital.

Dorfbüros oder zentrale Büros an Kontenpunkten werden die klassischen Firmenbüros ablösen – dadurch entfallen auch die grossen Pendler-Ströme in die Zentren. Diese Idee verfolgt das Start-up VillageOffice. Klassische Home-Offices haben Nachteile, so ist es nicht jedem Arbeitnehmer gegeben, zu Hause zwischen Kaffeemaschine, Wäschekorb oder schreienden Kindern zu arbeiten. Auch der soziale Kontakt und Austausch mit gleichgesinnten Personen fehlt. In grösseren Städten gibt es 2016 bereits Co-Working-Spaces (Gemeinschaftsbüros), in die sich interessierte Personen zu ca. CHF 30.-/Tag und Person einmieten können. Diese Kosten sind damit ungefähr 20 % tiefer als bei einem klassischen Firmen-Arbeitsplatz und dessen Infrastruktur. VillageOffice möchte dies nun in die Dörfer, also zu den Wohnorten der einzelnen Arbeitnehmer tragen und bietet mit entsprechenden Partnern vor Ort (in den Regionen) entsprechende Gemeinschaftsbüros mit entsprechender Infrastruktur an.

Kernkompetenz Selbstmanagement

Durch das Auflösen traditioneller Arbeitsverhältnisse muss (und kann) sich der Arbeitnehmer seine Arbeitszeit nach Bedürfnis und Fähigkeit selbst zusammenstellen.

Der «Latte-macchiato-Arbeitsplatz»

Da die Menschen in immer flexibleren Verhältnissen arbeiten, breitet sich der Arbeitsplatz in den öffentlichen Raum aus.

Job-Hopping & Cherry-Picking

Die Flexibilität bei Arbeitsverhältnissen führt dazu, dass Arbeitnehmer immer auf der Ausschau nach Neuem sind und sich viel weniger an ein Unternehmen binden.

Führen auf Distanz – Motivieren anstatt Kontrollieren

Da die Arbeit nicht mehr räumlich verortet wird, findet ein Wandel von der Präsenz- zur Ergebniskultur statt. Als Konsequenz müssen Führungskräfte mehr motivieren anstatt kontrollieren. Ausserdem müssen sie lernen, persönliche Bindung auch über unpersönliche technische Kanäle aufzubauen und zu erhalten.

Hiring per Click

Arbeitskräfte in der digitalisierten Welt sind quantifizierbar und Kompetenzen, Erfahrungen sowie Kapazitäten in Form von Daten abrufbar. Der Vorteil davon: die passgenaue Vergabe von Aufträgen. Der Nachteil: Fehler im Profil verhindern ein Matching, ausserdem orientiert sich die Personalauswahl weniger an der kulturellen Passung.

Das Potenzial für zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten ist gross, jedoch nicht für Arbeitnehmer, die im täglichen Kundenkontakt sind, klare Öffnungszeiten einzuhalten haben oder in einem zentralen Produktionsbetrieb tätig sind. Zudem wird erst die Zukunft zeigen, ob wir als soziale, interaktive Wesen und Arbeitnehmer diese Arbeitsform akzeptieren und auch bewusst wählen. Da die im Team erbrachte Leistung meistens besser ist als die Einzelleistungen.

Siehe auch Blog-Beitrag: Organisation 4.0

Siehe auch Blog-Beitrag: Digitalisierung – es braucht eine neue Führungskultur

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