Industrie 4.0

Autor: Alexander Disler

Bei Industrieunternehmen zeichnen sich zwei Ansätze für eine Überführung in eine digitalisierte Welt ab. Einerseits ist dies eine Vernetzung der Geschäftsprozesse (Produkte – Dienstleistungen – Service – Kundendienst) und/oder der Aufbau einer neuen Geschäftseinheit (innerhalb/ausserhalb der bestehenden Organisation).

Industrie 4.0 kurz erklärt durch die SWISSMEM, nachstehendes Video:

 

Vernetzung der Geschäftsprozesse
Diese Strategie setzt bei allen internen und externen Prozessen an, von der Kundenerwartungshaltung/-bestellung hin zur Herstellung eines Produktes, der Fernwartung / Überwachung der Produkte, den Servicebereich und den möglichen Neugeschäften. Industrieunternehmen sollten vermehrt die gesamte Wertschöpfungskette ihrer Produkte betrachten, d.h., nicht nur ihr engeres Umfeld (wie im Marketinggesicht dargestellt – das Entwickeln von Produkten, das Produzieren, Verkaufen und evtl. den Service), sondern auch die gesamte mit ihrem Produkt angebotene Leistung. Trisa (einer der grössten Zahnbürstenhersteller Europas) produziert jährlich rund 350 Millionen Zahnbürsten. Zu den heutigen Kunden zählt der Einzelhandel wie die Migros oder der Lidl, aber auch der Konsumgüterhersteller Colgate. Die Produkte sind aus Konsumentensicht vor allem standardisierte Massenware. Eine intelligente Zahnbürste mit der entsprechenden Technologie könnte die profunde Zahnbürste zu einem Datenlieferanten machen. Die Daten liessen sich an Zahnärzte oder Versicherungen weiterverkaufen oder der Kunde könnte sein Zähneputzen tracken/loggen (insbesondere könnten Eltern überwachen, ob und in welchem Umfang ihre Kinder die Zähne putzen). Das Produkt als solches erhält über den Kauf hinaus einen Nutzen. Sowohl für den einzelnen Kunden hinsichtlich des korrekten und richtigen Einsatzes seiner Zahnbürste (die Mundhygiene wird dadurch sicherlich verbessert), aber auch für spezialisierte Zahnversicherungen, welche in einem solchen Modell die Zahnbürsten für die Kunden beschaffen würden. In einem solchen Businessmodell ist es auch vorstellbar, dass der entsprechende Versicherungskunde regelmässig im Abo eine neue (evtl. kostenlose) digitalisierte Zahnbürste erhält. Dadurch liessen sich die Versicherungsprämien senken und der Kunde profitiert durch eine kostenlose Zahnbürste. Der bisherige Markt und das heutige Businessmodell der Zahnbürsten-Hersteller würde sich dadurch stark verändern, anstelle der (vielen, einzelnen) Endkonsumenten würden als Kunden neu die (wenigen) Versicherungsgesellschaften treten. Dies hätte auf die Verkaufs-Organisationen, auf die Ertragslage (Erlöse werden sinken), die Logistik und die Verkaufsorganisation starken Einfluss.

Der Schindler-Konzern, ein Aufzugs- und Rolltreppen-Hersteller, ist da bereits weit fortgeschritten.

Darstellung des digitalen Werkzeugkoffers von Schindler
Darstellung des digitalen Werkzeugkoffers von Schindler, 2017
www.adigiconsult.ch

Der Schindler-Service-Techniker ist in einer (internen) geschlossenen Service-Plattform angeschlossen. In dieser digitalen Service-Plattform sind das Produkt (intelligente Aufzüge und Rolltreppen), der Kunde (mittels eines Schindler Dashboards), das Callcenter, der Servicetechniker sowie der Einsatzmanager eingebunden. Alle verkauften Produkte sind smart (intelligent), d.h. die Produkte werden mit einer Fülle von Sensoren ausgerüstet und melden dieser Plattform laufend ihren aktuellen Zustand. Die Sensoren erfassen eine Vielzahl von Parametern der Anlagen, wie die Drehzahl der Motoren, Vibrationen, Temperatur, Geräusche, Beschleunigung und auch die genaue Positionierung. So kann vorsorglich eingegriffen werden, d.h. bereits bevor ein Produkt ausfällt. Auf diese Weise kann ein zusätzlicher Service eingeplant oder frühzeitig ein Verschleissteil ausgewechselt werden.

Das Ersatzteillager, das als Zentrallager geführt wird, umfasst 40‘000 Artikel und ist eine wichtige Drehscheibe für die Services-Techniker. Mittels seinem «digitalen Werkzeugkoffer», einer APP und dem iPad/iPhone, kann der Servicetechniker die Anlagedaten herauslesen, Ersatzteile bestellen, Rapporte erstellen, Baupläne der Anlagen abrufen, Wartungspläne nachschlagen oder sich im Video-Chat mit Kollegen austauschen. Sollte das notwendige Ersatzteil nicht im Servicewagen vorrätig sein, so kann das Ersatzteil umgehend bestellt werden. Schindler hat ein System mit der Post entwickelt, welches sicherstellt, dass das angeforderte Ersatzteil in der Nacht ins Servicefahrzeug ausgeliefert wird. Mit dem Ersatzteil erhält der Pöstler einen Fahrzeugschlüssel für das entsprechende Fahrzeug mitgeschickt. Nach entsprechender Auslieferung (Logistik) ins Servicefahrzeug gelangt der Schlüssel wieder zurück ins Schindler-Lager. Die betriebseigene APP, die ausschliesslich auf iOS läuft, kann noch mehr. Aufzugsanlagen müssen nachjustiert werden, da insbesondere Hochhäuser nach der Erstellung die Tendenz haben, sich gegen oben zu verbreitern. Das iPhone dient hier zusätzlich als Analysegerät (iSpec), mit dem Vibrationen ausgewertet werden und mithilfe eines Lasers Distanzen gemessen werden. Was früher viel Erfahrung und ein gutes Bauchgefühl abverlangte, kann heute durch die Technik ersetzt werden.

Der Schindler-Konzern hat sich mit seiner geschlossenen Service-Plattform einen heute einzigartigen Marktvorteil erarbeitet. Dieses System der digitalen Prozesse wurde bis anhin in der Schweiz, Deutschland, den USA und China eingeführt – weitere Länder werden sicherlich bald folgen. Seit September 2016 arbeitet Schindler mit dem chinesischen Telekomausrüster Huawei zusammen. Die beiden Unternehmen wollen bei der Entwicklung von intelligenten Komponenten zur Anbindung von Liften und Rolltreppen künftig über das «Internet der Dinge» kooperieren. Die neue Lösung zur Anbindung über das Internet of Things ist ein wichtiger Bestandteil der digitalen Plattform von Schindler, dabei sollen das Monitoring, die Analyse und die Verarbeitung von Datenströmen verbessert werden.

Aufbau einer neuen Geschäftseinheit – neue Organisationsform bei Schindler

Sicherlich ist mit dem ersten Schritt, der Vernetzung von Geschäftsprozessen, ein wichtiger Teil bereits getan. Solche Entwicklungen nehmen ihren Ursprung oftmals in den IT-Abteilungen, da man der Ansicht ist, dies sei die Sache der Informatik. Eine Transformation hin zu einer umfassenden Digitalisierung des Geschäfts bedingt aber eine andere Denkhaltung, anders qualifizierte Mitarbeiter und generell ein anderes Vorgehen. Selbstverständlich sollten die eingesetzten Mitarbeiter über eine hohe Affinität zur IT verfügen, aber auch im Besonderen eine hohe Bereitschaft für Neues, Veränderungen und auch Neugierde aufweisen. Bei einer sanften Digitalisierung mittels der Vernetzung von Geschäftsprozessen besteht die Gefahr, dass man als Unternehmen nur die internen Prozesse, Bedürfnisse und Abläufe erfasst und mittels der Digitalisierung automatisiert. Die Gesamtschau geht dabei verloren – Produkte und Leistungen werden nicht für den Selbstzweck effizient produziert, sondern für eine Kundengruppe mit ihren eignen Bedürfnissen und Vorstellungen.
Der Schindler Konzern hat dies 2013 erkannt und eine neue Tochterunternehmung, die Schindler Digital Business AG, gegründet. In diesem Unternehmensteil werden nun die digitale Kompetenz gebündelt sowie neue Leistungen und Produkte nach den Kunden- und Marktbedürfnissen entwickelt.
Der Einbezug der Kundenbedürfnisse, aller involvierten Mitarbeiter (aus den Bereichen Verkauf, Marketing, Entwicklung, Produktion, Service und Informatik als multidisziplinäres Team) und der Geschäftsleitung ermöglicht den Schritt zu einer umfassenden Digitalisierungsstrategie.
Durch den Aufbau einer neuen Geschäftseinheit oder die Gründung einer neuen Firma (mit einem neuen eigenen Businessmodell) setzt man die nachhaltigste Basis, um der Transformation hin zu einer digitalisierten Welt/Umwelt gerecht zu werden.

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